Berichte von 11/2014

26November
2014

Der Weg ist das Ziel - Ein Dschungel-Abenteuer

Am vergangenen Wochenende war es aus unserer Sicht mal wieder an der Zeit, etwas das Land zu erkunden. Nachdem es das letzte Mal in Richtung Westküste Madagaskars ging, stand diesmal der Osten auf dem Plan. Eine 8-stündige Fahrt mit dem Buschtaxi brachte uns in die zweitgrößte Stadt der Insel, Fianarantsoa.

Am nächsten Morgen nehmen wir von hier eine von 2 funktionierenden Zugverbindungen Madagaskars, die uns nach Manakara an der Ostküste bringen soll. Als mitteleuropäische Studenten verfluchen wir zwar noch immer regelmäßig die unmenschlich frühen Uhrzeiten des hiesigen Reiseverkehrs, dennoch stehen wir ohne Meckern am nächsten Morgen um halb 7 an Bahngleis 1 (nicht, dass es mehr Gleise gegeben hätte) und steigen in das historisch anmutende Gefährt ein.

Der pro Richtung drei mal pro Woche fahrende Zug ist ein Schweizer Modell von 1918 und kriecht mit circa 20-30 Stundenkilometern durch das Hochland. Trotz dieser schwindelerregenden Geschwindigkeit benötigen wir letztendlich für die 163km Strecke 16! Stunden. Einige fragen sich vielleicht, warum man sich so etwas antut und zumindest manchmal rückt diese Frage auch in den äußersten Winkel unseres Bewusstseins.

Die Antwort ist dennoch schnell gegeben und kann wohl am besten mit Bildern belegt werden. Der Zug ist ein Panoramaexpress der allerfeinsten Sorte. Wir durchqueren Täler mit endlosen Reisfeldern, eine Bergkette mit atemberaubenden Blick und vor allem viel viel Dschungel. Grenzdebil starren wir in die wunderschöne Landschaft, die in gar nicht mal so Windeseile an uns vorbei fliegt. 

Ein weiteres Highlight sind die vielen Stops im Streckenverlauf. Sobald mehr als drei Hütten am Schienenrand auftauchen, halten wir und werden auch schon von der einheimischen Bevölkerung mit Essen erwartet. Meistens quälen wir unsere eingeschlafenen Füße aus dem Zug, teilweise erwerben wir auch einfach am offenen Fenster Obst, Kuchen und diverse frittierte Taschen und Rollen. Währenddessen werden in einen anderen Wagon unzählige Körbe mit Litschis und Bananen verladen, was je nach Station schonmal zwei halbe Stunden dauern kann.

Der Zug stellt für die Bewohner dieser Region ihre wirtschaftliche Überlebensgrundlage dar. Zum einen können sie ihre Waren an die zahlreichen Touristen verkaufen, zum anderen gelangen auf den (vor allem aus Reparationszahlungen (Deutschland --> Frankreich) des ersten Weltkriegs stammenden!!!) Gleisen Tonnen von Obst zum nächsten Markt und der dafür gekaufte Reis oder Anderes auf dem Rückweg in die eigenen vier Lehmwände.

Am späten Abend erreichen wir Manakara an der Ostküste, unsere spontane Hotelfindung ist kurz vor eintretender Panik noch erfolgreich und wir verbringen eineinhalb entspannende Tage am Strand. Dank einem ansehnlichen Salzwasser-Wellenbad, Kokosnüssen am Strand sowie frischen Calamari zum Abendessen fühlen wir uns pudelwohl und machen Urlaub vom Urlaub (schließlich schlauchen 16 Stunden Zugfahrt selbst so hartgesottene Teutonen wie uns).

Ein zehnstündiges Buschtaxi-Konzert französischen Raps beendet letztendlich am Folgetag um 1 Uhr nachts diesen eindrucksvollen Kurztrip, der sich landschaftlich sicherlich als neuer Chart-Leader feiern darf.

Veluma und bis zum nächsten Mal!

 

17November
2014

Wenn Feiern zum Ausdauersport wird...

Da Tabea, bis dahin unser alleiniges Küken, am Donnerstag ohne viel Eigenleistung die 24er-Marke erreicht hatte, fand freitags in unserem temporären Eigenheim eine Party statt. Da Feiern zu dritt leider wenig Spaß macht, hatten wir dazu einfach unsere Studenten eingeladen. Leider ist der Elektrizitätsgott am einzigen von uns zum Feiern auserwählten Abend auf einer ganz anderen Seite. Zwischen 18:00 und 23:00 Uhr gibt es keinen Funken Strom, wir behelfen uns mit Kerzen und vor allem madagassischer Mentalität. Unsere 50!!! Studenten tanzen und singen mit faszinierender Begeisterung und Leidenschaft durch unser Wohnzimmer. Bei Kerzenlicht werden uns nacheinander aus verschiedenen Regionen Madagaskars traditionelle Lieder vorgeführt. Das rhythmisch erste Sahne abgestimmte Klatschen und Stampfen macht dabei jeder Dancehall- Baseline Konkurrenz. Nach Trinken und ausgiebigem Tanzen trollt sich der komplette Tross der geladenen Gäste ins 50m entfernte Tahiti, die einzige uns bekannte Disco von Antsirabe.

Dass in Madagaskar fast alles anders ist als bei uns, wissen wir mittlerweile, dass feiern und tanzen auch dazu gehört, wissen wir seit Freitag. Am ehesten kann man es wahrscheinlich mit einem Zumba-Intensivkurs im Fitnessstudio vergleichen. Anstatt wie bei uns lässig an der Bar lehnend zu ¾-Takten zu nicken, rocken sich die Madagassen zu im Zeitraffer laufender Musik ins Delirium. Am nächsten Morgen fühlen wir uns, als wären wir einen Marathon gelaufen, dennoch wird uns und auch unseren Studenten der Abend als äußerst gelungenes Event in Erinnerung bleiben.

 

Veluma und bis bald,

 

Anna, Tabea und Florian

11November
2014

Go West - unser erster Urlaub

Nach immerhin zwei Wochen Unterricht an der ESSVA stand letzte Woche unser erster Urlaub in Madagaskar auf der Agenda. Der frühe Zeitpunkt war natürlich nicht Unlust am Unterrichten sondern regionalen klimatischen Gegebenheiten geschuldet. Im Klartext: Bald regnet es hier aus Eimern und auf manchen Straßen im Westen geht nix mehr.

Auch ohne viel Regen mussten wir schon bei der Hinfahrt den Straßenverhältnissen Tribut zollen. Dank dem ein oder anderen Schlagloch geht unserem linken Hinterreifen leider die Puste aus. Zudem bemerkt unser Fahrer beim Reifenwechsel, dass der Ersatzreifen noch deutlich weniger Luft besitzt, weshalb wir auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße mit einem halblebigen Reifen, dafür mit umso mehr Spaß weiterfahren.

Ansonsten führt die Fahrt durch beeindruckendes Hochland, unser Blick schweift über unglaubliche Weiten mit Reisfeldern, Wasserfällen, unzähligen Zebus und wie immer vielen Kindern, die begeistert mit dem Auto mitrennen und „Vazaha, Vazaha“ schreien.

Die nächsten drei Tage verbringen wir mit einem Motorboot auf dem Tsiribihina-Fluss, den wir ca. 150km Richtung Westküste entlang fahren. Etwas schockiert sind wir zunächst vom vorherrschenden Kräfteverhältnis auf dem Boot. 8:3 steht es für Besatzung + Guide gegenüber uns. Nichtsdestotrotz verbringen wir sehr schöne Tage mit der Crew. Abends wird am Feuer getrunken, getanzt und gesungen. Übrigens ein Erlebnis, dass uns kollektiv an unserer Erziehung zweifeln lässt. Während die Madagassen mit beeindruckender Musikalität und teilweise perfekt intoniert ein Lied nach dem anderen zum Besten geben, tun wir uns, vorsichtig ausgedrückt, etwas schwer. Lieder die wir alle drei kennen gibt es viele. Lieder von denen wir alle 3 halbwegs erträglich den Refrain und (vielleicht) eine Strophe können: Einige. Lieder die wir von Anfang bis Ende singen können: Lassen wir das...

Lagerfeuer mit unserer Bootscrew

Wir besuchen auf unserer Fahrt mehrere am Fluss liegende Dörfer, in denen wir (besonders Anna) von Kinderhorden begraben werden, aber auch einen Einblick in das Leben dieser Menschen bekommen.

  

Ansonsten ist unsere Bootsfahrt ein maximal entspannendes Erlebnis. Gutes Essen, eine tolle Landschaft, natürliche Pools, ein Wasserfall als Dusche, Übernachtung auf der Sandbank am Fluss mit unfassbarem Sonnenuntergang. Kurzum, nach drei Tagen ähneln wir im Spiegel halb Mensch, halb Faultier. Alleinig aus Gründen der Völkerverständigung bringen wir am Zielort unserer Bootscrew und einigen anderen Madagassen zum Abschied noch westliche Trinkspiele bei. Die Jungs sind hellauf begeistert, nach unserer Einschätzung könnte der ein oder andere jedoch am nächsten Morgen seine Meinung noch einmal überdacht haben ;)

Drinking Games ;)Unsere Lieblingsdusche Tsirihibina Fluss

Die weiteren Zielorte unserer Reise sind das Unesco Weltkulturerbe der Tsingy-Felsen und die berühmten Baobab-Baumriesen. Im Tsingy-Nationalpark machen wir eine faszinierende halbtägige Wanderung mit einer Mischung aus Klettersteigen, Höhlenpassagen und Dschungelpfaden inklusive Lemuren-Begegnung. Nach vier Stunden Leistungssport bei gut 30 Grad fallen wir gequälten Kreaturen erschöpft in den Pool unseres sehr schönen Hotels, das neben einem Dorf aus Stroh- und Lehmhütten jedoch sehr surreal und moralisch fragwürdig daher kommt und uns zu stundenlangen Diskussionen über „richtig“ konzipierten Tourismus in einem solch armen Land anregt.

Weißer Lemur Tsingy-Nationalpark Tsingy-NationalparkBaobabs c

Den Status als eigenständiges Highlight der Reise erkämpfte sich auch unser Transport zwischen den einzelnen Zielen. Unser grandioser Fahrer manövriert seinen Geländewagen geschickt durch hüfttiefe Gräben der aus Erde bestehenden Straße und findet auch dann zielsicher den Weg, wenn ein steckengebliebener LKW ihn zwingt, mehrere hundert Meter durch den umgebenden Busch zu fahren. Auch deutlich erschwerte Bedingungen bei der Überquerung eines breiten Fluss können uns zum Glück nicht aufhalten. Dank defektem Motor manövrieren einige Madagassen unser Fährboot nach der Stocherkahn-Methode über den dafür, aufgrund von Regenfällen, eigentlich zu schnell fließenden Fluss. Nachdem wir am Anfang deutlich abtreiben, kriegen wir in der Mitte des Flusses wortwörtlich die Kurve und die letzten 25 Meter fahren wir dank Allrad einfach durch das kniehohe Wasser.

Fähre

Da unsere organisierte Tour am Meer endet, sehen wir uns gezwungen, noch drei Nächte in Morondava am Strand zu verbringen. Das erweist sich als kluge Entscheidung, wir haben einen schönen Sandstrand komplett für uns allein, an dem wir Zeuge von sehr schicken Sonnenuntergängen werden. Den unfreiwilligen Nebeneffekt unseres Daseins als Sonnenanbeter bringt wohl am besten ein vorbeilaufender Fischer auf den Punkt, der uns humorvoll als „Vazahas tomate“ bezeichnet. Flo schält sich tatsächlich immer noch. Den Rest der Zeit machen wir eine Bootstour in ein Fischerdorf, schlürfen Kokosnüsse und speisen bei „Jean le Rasta“, der jedem Tisch zum Abendessen ein ungewöhnlich beruhigende Zigarette spendiert.

Sonnenuntergang in Morondava

Nach 8 Tagen „on the road“ beendet eine zehnstündige Fahrt nach Antsirabe mit einem bis oben bepackten Bus-Taxi letztendlich unsere Tour mit unvergesslichen Eindrücken und Erlebnissen. Bleiben werden Bilder eines wunderschönen Landes mit beeindruckenden Menschen sowie viele zum Nachdenken anregende positive wie weniger positive Eindrücke von Land, Leuten und unserer Rolle als Touristen.