Berichte von 01/2015

12Januar
2015

Time to say Goodbye - Unsere letzten Wochen an der ESSVA

Genau 87 Tage nach unserer Ankunft in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, sitzen wir wieder in einem Hotelzimmer dieser pulsierenden Stadt und fangen langsam an zu begreifen, dass unsere Zeit in diesem faszinierenden Land so gut wie vorüber ist.

Heute morgen um 11 Uhr sind wir vom Gelände der ESSVA aufgebrochen, etwa eine Stunde später als geplant: Der Abschied von unseren Studenten und dem Staff der ESSVA zieht sich gegen Ende noch einmal hin. Emailadressen werden ausgetauscht, letzte organisatorische Belange geklärt und außerdem viele, viele Abschiedsfotos geknipst.

 

Dann sitzen wir auch schon im Auto Richtung Norden und lassen noch einmal die vergangenen Tage Revue passieren. Eins steht nämlich fest: Die letzten zwei Wochen unserer temporären Berufsepisode als freiwillige Gastdozenten in Antsirabe werden uns definitiv als ereignisreiche Zeit in Erinnerung bleiben.

Aber von vorne: Was war passiert?

Zunächst standen in all unseren Klassen kurz vor oder kurz nach den Weihnachtsferien die Klausuren an. Die Studiengänge Ecotourisme, Hotellerie & Restauration, Communication sowie Communication-Journalisme werden von uns auf Englisch und Deutsch mit Fragen zu fachspezifischen Themen sowie ihrem Wortschatz gequält.

Manch einer löst unsere Klausuren gekonnt und hinterlässt uns beim Korrigieren schmunzelnd-zufrieden am Küchentisch, aufgrund manch anderer Lösungsvorschläge klappt jedoch auch die ein oder andere Kinnlade auf die Brust und wir können uns gegenseitig dabei beobachten, wie wir kopfschüttelnd den Kühlschrank nach Frustessen absuchen.

Alles in allem sind wir allerdings durchaus zufrieden mit unseren Schützlingen. Die Meisten waren offensichtlich motiviert und die daraus resultierenden guten Noten führen zu grinsend-frohen Gesichtern bei unseren Studenten.

Kurz vor den auf jeder Seite wohl verdienten Weihnachtsferien war allerdings nicht nur Denkleistung von unseren Studenten gefragt. Vielmehr stand der letzte Tag des akademischen Jahres 2014 an der ESSVA ganz im Zeichen der körperlichen Ertüchtigung. Wir hatten beschlossen, ein Sportturnier für alle Studenten der Universität auf die Beine zu stellen.

3 Sportarten, 19 Teams und ca. 150 teilnehmende Studenten sind die nackten Zahlen eines erfolgreich abgelaufenen Sportnachmittags. In den Disziplinen Fußball, Volleyball und Basketball wurden zwischen den verschiedenen Studiengängen in einer Reihe spannender Partien die Sieger ausgespielt.

Zwar haben die madagassischen Athleten wenig Antrieb, unseren entworfenen Zeitplan einzuhalten (Vor jedem Spiel müssen mit viel Engagement und Geduld die Spieler der Mannschaften zusammengesucht werden: „Achso wir spielen jetzt schon?“), dafür ist die Stimmung während der gesamten Veranstaltung umso ausgelassener. So mancher verpasst aufgrund seines aus den Boxen schallenden Lieblingslieds schon mal den Anpfiff seiner Partie...

Auch der spätnachmittags einsetzende sintflutartige Regen kann die Begeisterung der Studenten nicht trüben. Als der Basketballplatz aufgrund akuter Stromschnellen unbespielbar wird, verlagert sich die Aufmerksamkeit der Massen komplett auf die dröhnenden Boxen. Durchnässt bis auf die Haut wird zu madagassischen Highspeed-Beats einfach weiter gefeiert.

Vor den Augen der kreischend anfeuernden Kommilitonen sowie einiger Professoren und Rektoren werden trotz einem offensichtlich eingeschnappten Wettergott in jeder Disziplin Sieger gefunden. Als Siegprämien bekommen die Teams Bälle, die wir als gelernte Nutzwertfetischisten für sinnvoller als Pokale halten.

 

Die Preise wurden den Teams am vergangenen Freitag bei der für uns stattfindenden Abschiedszeremonie überreicht, laut Gerüchten tauchen die dazugehörigen handsignierten Urkunden inzwischen mit einem Mindestgebot von 100€ bei Ebay auf J

Spaß beiseite, der eigentliche Anlass der Veranstaltung war durchaus ernster, wenn auch emotionaler Natur. Vor den Augen von mehreren hundert Studenten werden wir mit Dankesreden und vielen warmen Worten und Applaus verabschiedet. Als ganz besonders wird uns dabei eine auf deutsch vorgetragene Dankesrede einer Studentin in Erinnerung bleiben... Die uns entgegen gebrachte Dankbarkeit berührt uns nachhaltig, bei der französisch-englischen bilingualen Abschiedsrede von Tabea und Anna bricht das ein oder andere Mal eine Stimme weg... An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Studenten und die Administration der ESSVA für dieses warme „Au revoir“.

 

Weil Madagassen sicherlich wenig mit dem Begriff „polnischer Abgang“ anfangen können, sowie wir nach unserer erlebten tollen Zeit das Bedürfnis verspüren, uns auch gebührend zu verabschieden, laden wir am Nachmittag desselben Tages all unsere Studenten plus Professoren und Rektoren noch einmal in das Auditorium der Universität ein. Nachdem unser Event zunächst in typisch madagassischer Manier schleppend anläuft („meint ihr es kommt überhaupt jemand?“), wird unser auserkorener Partyraum letztendlich doch noch brechend voll und es entwickelt sich ein tanzender und lachender Studentenknäuel. Kurz haben wir Zweifel, ob unser ausgedachtes, ruhe- und ordnungsbedürftiges Spiel eventuell nicht ganz so zu der vorherrschenden Anarchie passt, dann legen wir einfach los und sind heilfroh, dass unsere Idee offensichtlich einschlägt wie eine Bombe.

Mit vier Gruppen (bestehend aus drei Studiengängen & den Professoren) spielen wir ein in Kategorien gegliedertes Wissensspiel, bei dem für verschieden schwere Fragen Punkte vergeben werden. Die Studenten sind Feuer und Flamme die Fragen richtig zu beantworten, gegenüber den Gegnern überwiegt vor allem Schadenfreude. Für besonderen Belustigung sorgen außerdem auf allen Seiten die Aufgaben der Kategorie „Spiele“, an dieser Stelle noch einmal großen Respekt für Ecotourisme und seine Zehn-Personen-Pyramide...

Den Sieg heimsen dennoch die immer cool gebliebenen Professoren ein, die vor allem mit Wissen über Madagaskar aber auch Deutschland ihre jüngeren Kontrahenten ausstechen konnten.

 

Den Abend dieses von Abschieden geprägten und dennoch sehr schönen Tages lassen wir mit einigen Studenten in unserer Wohnung und einem anschließenden Clubbesuch feucht fröhlich ausklingen.

Wir bedanken uns recht herzlich bei der ESSVA für die grandiose uns entgegen gebrachte Gastfreundschaft sowie eine tolle Zusammenarbeit und müssen zugeben, dass es uns sehr schwer fällt, all die neu kennen gelernten Menschen eventuell für immer hinter uns lassen zu müssen.

  

07Januar
2015

Weil Kinder ein Zuhause brauchen...

Nachdem sich bei allen der ganze Weihnachts- und Silvesterrummel hoffentlich wieder gelegt hat, gibt es einmal wieder ein paar Neuigkeiten von uns Dreien aus Madagaskar. Auch wir haben den Jahreswechsel gut überlebt, am Strand und bei 30°C hielt sich der Rummel jedoch zum Glück in Grenzen.

Meer und Sonne sollen aber heute nicht das Thema sein. Deshalb: Themenwechsel, kleiner Zeitsprung, zurück zur Bildung.

 

In der Woche vor Weihnachten brechen wir mit dem Taxi-Bus zu einer Halbtagesreise in das zentrale Hochland westlich der Hauptstadt Antananarivo auf. Der Grund:

Wir wollen in der Kleinstadt Miarinarivo einen Landsmann treffen.

Wir besuchen Stefan Büschelberger, der seit 11 Jahren für Gymnasiasten der Region ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Projekt auf die Beine gestellt hat.

In ländlichen Regionen Madagaskars einen Zugang zu höherer Schulbildung zu haben, stellt für viele Schüler dieses Landes eine besondere Herausforderung dar. Gymnasien gibt es nur in größeren Städten, für viele Jugendliche aus kleineren Dörfern besteht deshalb nur eine Möglichkeit: Umziehen.

Da das Geld jedoch meistens mehr als knapp ist, leben diese jungen Menschen in Konsequenz oft zu mehreren unter sehr armen Bedingungen zusammen. Gesicherte Mahlzeiten, medizinische Versorgung oder Bildungsbetreuung sind deshalb für die Meisten leider Wunschdenken.

Rund um diese Notsituation engagiert sich Stefan Büschelberger an allen Ecken und Enden. Zur Zeit bietet er circa 90 Schützlingen eine gesicherte Unterkunft und Schlafmöglichkeit, eine Ganztagesbetreuung und täglich drei Mahlzeiten. Zur mittäglichen Schülerspeisung empfängt er insgesamt sogar 300 Schüler.

Für alle diese Kinder stellt die Hilfe von Stefan eine essentielle Stütze dar. Einer sehr großen Zahl wird der Zugang zu höherer Schulbildung durch ihn erst ermöglicht, vielen weiteren wird er enorm erleichtert.

(Infos zu der Ny Hary Organisation von Stefan Büschelberger: www.ny-hary.org)

 

Wir haben das Glück, diese bewundernswerte Arbeit von Stefan und die daraus resultierenden Strukturen 2 Tage lang live mitzuerleben. Anna singt und tanzt mit einer Gruppe älterer Gymnasiasten, Tabea kommt auf einem Rundgang durch die Zimmer mit einigen Mädels ins Gespräch und Flo spielt mit einer Horde kleiner Jungs in Dreck und Regen Fußball. Kurzum, wir mischen uns munter unter die Schüler und werden Zeugen einer großen Dosis Lachen und Lebensfreude.

  

Abends essen wir zusammen mit den Jugendlichen aus riesigen Töpfen Reis mit Beilagen und nehmen als Tagesabschluss an der allabendlichen Andacht teil, bei der alle 90 Schüler zusammen beten, singen und außerdem organisatorische Dinge besprochen werden.

Besonders beeindruckt sind wir von der überall vorherrschenden Disziplin und Organisation der Kinder untereinander. Statt pubertierendem Gequengel helfen sich die Schüler gegenseitig mit allem was zu tun ist, dabei nehmen die Älteren sowohl eine Art Vorbildfunktion als auch eine Rolle als Verantwortungsperson ein. Nirgendswo erleben wir Streit oder Chaos, alles scheint reibungslos zu funktionieren: Weil es die Jugendlichen so wollen. Weil sie dankbar zu sein scheinen, Teil dieses tollen Projekts sein zu dürfen. Jeder einzelne scheint sich seines Privilegs bewusst zu sein, es herrscht von klein bis fast erwachsen eine ungemeine Wertschätzung der Hilfe, die ihnen zuteil wird.

 

Die Zeit, die wir mit Stefan und den Kindern bei der Ny Hary Organisation verbracht haben, bestärkt uns erneut in der Ansicht, dass die bestehende Kooperation von NyHary mit Zukunft Madagaskar eine wertvolles Element unseres Fördervereins darstellt. Dank der Kooperation kann jährlich zwei von diesen tollen, dankbaren und motivierten jungen Menschen ein Vollstipendium für ein Studium an der Universität ESSVA in Antsirabe ermöglicht werden.

(Weitere Infos zur Kooperation unter www.zukunft-madagaskar.de)

 

Wir danken und gratulieren Stefan Büschelberger zu diesem in unseren Augen menschlich grandiosen Projekt, dass er trotz privater und geschäftlicher Steine in seinem Weg mit unvergleichlichem Herzblut und Engagement auf die Beine gestellt hat. Eine kleine Scheibe kann sich vielleicht jeder von seiner Einstellung abschneiden, wenn er sagt: „Ich ärgere mich nicht über das was andere versäumen zu tun, sondern helfe da wo ich kann, mit allem was ich habe.“

Auch erklärt er in einem anderen Gespräch, dass er sich nichts Sinnvolleres als dieses Projekt für sein Leben vorstellen könnte. Nachdem wir die Blicke in den Augen der glücklichen und zufriedenen Kinder bei einer seiner Ansprachen gesehen haben, können wir das sehr gut nachvollziehen.