11November
2014

Go West - unser erster Urlaub

Nach immerhin zwei Wochen Unterricht an der ESSVA stand letzte Woche unser erster Urlaub in Madagaskar auf der Agenda. Der frühe Zeitpunkt war natürlich nicht Unlust am Unterrichten sondern regionalen klimatischen Gegebenheiten geschuldet. Im Klartext: Bald regnet es hier aus Eimern und auf manchen Straßen im Westen geht nix mehr.

Auch ohne viel Regen mussten wir schon bei der Hinfahrt den Straßenverhältnissen Tribut zollen. Dank dem ein oder anderen Schlagloch geht unserem linken Hinterreifen leider die Puste aus. Zudem bemerkt unser Fahrer beim Reifenwechsel, dass der Ersatzreifen noch deutlich weniger Luft besitzt, weshalb wir auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße mit einem halblebigen Reifen, dafür mit umso mehr Spaß weiterfahren.

Ansonsten führt die Fahrt durch beeindruckendes Hochland, unser Blick schweift über unglaubliche Weiten mit Reisfeldern, Wasserfällen, unzähligen Zebus und wie immer vielen Kindern, die begeistert mit dem Auto mitrennen und „Vazaha, Vazaha“ schreien.

Die nächsten drei Tage verbringen wir mit einem Motorboot auf dem Tsiribihina-Fluss, den wir ca. 150km Richtung Westküste entlang fahren. Etwas schockiert sind wir zunächst vom vorherrschenden Kräfteverhältnis auf dem Boot. 8:3 steht es für Besatzung + Guide gegenüber uns. Nichtsdestotrotz verbringen wir sehr schöne Tage mit der Crew. Abends wird am Feuer getrunken, getanzt und gesungen. Übrigens ein Erlebnis, dass uns kollektiv an unserer Erziehung zweifeln lässt. Während die Madagassen mit beeindruckender Musikalität und teilweise perfekt intoniert ein Lied nach dem anderen zum Besten geben, tun wir uns, vorsichtig ausgedrückt, etwas schwer. Lieder die wir alle drei kennen gibt es viele. Lieder von denen wir alle 3 halbwegs erträglich den Refrain und (vielleicht) eine Strophe können: Einige. Lieder die wir von Anfang bis Ende singen können: Lassen wir das...

Lagerfeuer mit unserer Bootscrew

Wir besuchen auf unserer Fahrt mehrere am Fluss liegende Dörfer, in denen wir (besonders Anna) von Kinderhorden begraben werden, aber auch einen Einblick in das Leben dieser Menschen bekommen.

  

Ansonsten ist unsere Bootsfahrt ein maximal entspannendes Erlebnis. Gutes Essen, eine tolle Landschaft, natürliche Pools, ein Wasserfall als Dusche, Übernachtung auf der Sandbank am Fluss mit unfassbarem Sonnenuntergang. Kurzum, nach drei Tagen ähneln wir im Spiegel halb Mensch, halb Faultier. Alleinig aus Gründen der Völkerverständigung bringen wir am Zielort unserer Bootscrew und einigen anderen Madagassen zum Abschied noch westliche Trinkspiele bei. Die Jungs sind hellauf begeistert, nach unserer Einschätzung könnte der ein oder andere jedoch am nächsten Morgen seine Meinung noch einmal überdacht haben ;)

Drinking Games ;)Unsere Lieblingsdusche Tsirihibina Fluss

Die weiteren Zielorte unserer Reise sind das Unesco Weltkulturerbe der Tsingy-Felsen und die berühmten Baobab-Baumriesen. Im Tsingy-Nationalpark machen wir eine faszinierende halbtägige Wanderung mit einer Mischung aus Klettersteigen, Höhlenpassagen und Dschungelpfaden inklusive Lemuren-Begegnung. Nach vier Stunden Leistungssport bei gut 30 Grad fallen wir gequälten Kreaturen erschöpft in den Pool unseres sehr schönen Hotels, das neben einem Dorf aus Stroh- und Lehmhütten jedoch sehr surreal und moralisch fragwürdig daher kommt und uns zu stundenlangen Diskussionen über „richtig“ konzipierten Tourismus in einem solch armen Land anregt.

Weißer Lemur Tsingy-Nationalpark Tsingy-NationalparkBaobabs c

Den Status als eigenständiges Highlight der Reise erkämpfte sich auch unser Transport zwischen den einzelnen Zielen. Unser grandioser Fahrer manövriert seinen Geländewagen geschickt durch hüfttiefe Gräben der aus Erde bestehenden Straße und findet auch dann zielsicher den Weg, wenn ein steckengebliebener LKW ihn zwingt, mehrere hundert Meter durch den umgebenden Busch zu fahren. Auch deutlich erschwerte Bedingungen bei der Überquerung eines breiten Fluss können uns zum Glück nicht aufhalten. Dank defektem Motor manövrieren einige Madagassen unser Fährboot nach der Stocherkahn-Methode über den dafür, aufgrund von Regenfällen, eigentlich zu schnell fließenden Fluss. Nachdem wir am Anfang deutlich abtreiben, kriegen wir in der Mitte des Flusses wortwörtlich die Kurve und die letzten 25 Meter fahren wir dank Allrad einfach durch das kniehohe Wasser.

Fähre

Da unsere organisierte Tour am Meer endet, sehen wir uns gezwungen, noch drei Nächte in Morondava am Strand zu verbringen. Das erweist sich als kluge Entscheidung, wir haben einen schönen Sandstrand komplett für uns allein, an dem wir Zeuge von sehr schicken Sonnenuntergängen werden. Den unfreiwilligen Nebeneffekt unseres Daseins als Sonnenanbeter bringt wohl am besten ein vorbeilaufender Fischer auf den Punkt, der uns humorvoll als „Vazahas tomate“ bezeichnet. Flo schält sich tatsächlich immer noch. Den Rest der Zeit machen wir eine Bootstour in ein Fischerdorf, schlürfen Kokosnüsse und speisen bei „Jean le Rasta“, der jedem Tisch zum Abendessen ein ungewöhnlich beruhigende Zigarette spendiert.

Sonnenuntergang in Morondava

Nach 8 Tagen „on the road“ beendet eine zehnstündige Fahrt nach Antsirabe mit einem bis oben bepackten Bus-Taxi letztendlich unsere Tour mit unvergesslichen Eindrücken und Erlebnissen. Bleiben werden Bilder eines wunderschönen Landes mit beeindruckenden Menschen sowie viele zum Nachdenken anregende positive wie weniger positive Eindrücke von Land, Leuten und unserer Rolle als Touristen.